26. August 2020

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NEWS rund um den FC Bayern München –

Bayerische Kognition

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Pro Spieler 100 Aktionen minimum im Spiel. Top bei Bayern sind Werte ab 130 Aktionen. Pässe, Dribblings, Ballsicherungen, Tacklings, Torschüsse. Je mehr Aktionen, umso präsenter und wichtiger der Spieler, wenn es um das Gesamtpaket eines Spielers geht. Natürlich würde Lewandowski eine Aktion reichen, ein Schuss, ein Tor,…die Bayern. Leider ist der Fussball nicht mehr ganz so einfach. Eigentlich war er es nie, nur niemals hinter die Kulissen geschaut wurde. Auf dem Feld herrschen die kognitiven Fähigkeiten. Kogni was ?

Zu den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zählen zum Beispiel die Aufmerksamkeit, die Erinnerung, das Lernen, die Kreativität, das Planen, die Orientierung, die Imagination, die Argumentation, der absolute Wille, das starke Glauben an die Handlungfähigkeit und nachfolgende Aktion.

Aktionen…Entscheidungen…sie müssen im Fußball ständig getroffen werden, alle paar Sekunden, die Handlungsfähigkeit weit weit unter einer Sekunde. Sonst kann das Finale verloren werden.

Offensiv muss Lewandowski schon vorher ahnen (Folgehandlung), bevor sein Gegner es überhaupt ahnt, das Müller gleich flankt. Im Gehirn muss er schon im Strafraum sein. Kognition.
Boateng muss die gleiche Situation nur als defensiver Spieler bewerten. Anhand der Körperbewegung des Gegners sieht er: Da kommt gleich der Ball ran. Sofort geht die kognitive Routine los: Wo ist der Gegner, wie ist mein Laufweg.

Das Umfeld permanent checken, den Gegner in der nahen Umgebung „tracken“. Das erfordert mehr Kraft als mancher Sprint. 90 Minuten Konzentration.

Wo steh ich selbst, muss ich mein Stellungsspiel korrigieren ? 5 Meter rechts, oder 3 Meter mehr nach hinten ? Der Trainer gibt plötzlich eine Anweisung. Mehr links, aber nur 2 Meter. Ich höre es so gerade eben, 75000 in der Allianz Arena sind extrem laut. 90 Minuten lang. 99,5% des Spiels laufen Aktionen im Kopf ab. Die Synapsen wirken immer wieder einander entgegen (hemmend und erregend), sodass eine Bewegung korrekt ausgeführt wird. Das menschliche Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen. Jede dieser Zellen ist über mehrere hundert bis tausend Synapsen mit anderen Zellen verbunden. Was dort in 90 Minuten passiert, ist unvorstellbare Energie. Umgerechnet in den Alttag wäre es eine „Gigawattleistung“ einer Glühbirne in einem engen Raum.

Davies sprintet nach vorn, plötzlich muss er von OFF auf DEF umschalten. Kein freier Raum für die Flanke gerade, der Ballbesitz änderte sich, schon muss er den Gegner tracken, um ihn mit 36,5 km/h am Ende noch stoppen zu können. Geschafft, das Tor ist verhindert. Davies innerlich fix und fertig, aber Spieler beim FC Bayern müssen sofort neue Kraft schöpfen. Ein Job der totalen sportlichen Folter, aber sie lieben es.

Motivation, ein grundlegende Komponente. Psychologisch wertvoll. Ohne sie ist die kognitive Bereitstellung gefährdet. Eine 1/4-Sekunde zu langsam, der Ball ist weg, der Gegner ist weg. Sekunden später ärgert sich Neuer, schnauzt seinen Spieler an, wo er denn da mit seinen Gedanken war. Nach dem Spiel ist alles nicht mehr so schlimm. Kann ja mal passieren, aber nicht im nächsten Spiel, da kommt der BVB. Klar ? Bier ? Ok.

Falsche Entscheidungen kommen sehr häufig im Match vor. Unbewusst, ungewollt. Der Spieler ist ein Mensch, aber für 90 Minuten eine Maschine, die funktionieren muss.
Coman überlegt: Suche ich den Zweikampf im offensiven Dribbling 1 gegen 1? Schaff ich es, an Carvajal vorbeizukommen ? Und wenn ich ihn via einer Finte veräppel ? Er ist erfahren ? Eigentlich zu lange, die Denkzeit. Coman muss wie ein Superserver denken, in nicht mal einer Sekunde muss er den spanischen Rechtsverteidiger schon nah sein, vorbei oder Finte ? Sie kann ihm den freien Raum geben, dann den finalen Querpass zu Lewandowski, der dann das Tor macht ?

Tor. Es hat geklappt. Der Fan jubelt, denkt sich: Das war ja einfach, der Carvajal ist zu langsam, Coman ist einfach nur geil.

Nun ja, wenn der Fan wüsste, wieviel Angst Coman hatte, welche Schwierigkeit er für eine halbe Sekunde hatte. Dem Fan sind diese etwa 1500 Aktionen der 10 Feldspieler gar nicht so bewusst.

Wichtig für die Bayernspieler, das ihr Trainer diese Fähigkeiten immer wieder trainieren lässt. Übungen und technische Geräte wie z.B. den Footbonauten. Interessant dabei das so genannte Skills.Lab.
Ein neue Errungenschaft seit Herbst 2019 auf dem Trainingsgelände des FC Bayern. Im Skills.Lab werfen Beamer Spielsituationen und Aufgaben auf die Wände einer sechseckigen Aktionszone, das etwa die Größe eines halben Fußballfeldes hat.
Damit wird die fußballspezifische Leistungsfähigkeit eines Spielers dann messtechnisch erfassen und bewertet. Vollautomatisierte Ballmaschinen können mehr als 50 verschiedene Trainingsformen in fünf Schwierigkeitsstufen entwerfen. Die Leistung des Spielers wird mit modernster Messtechnik erfasst. „Mit Skills.Lab werden wir unsere Ausbildungsqualität auf dem Campus erhöhen“, sagt damals, der ab 1.Juli 2020 neue Sportvorstand, Hasan Salihamidzic.

Am Ende steht dennoch die psychische Belastung, die aufwendige Kraft, die Synapsen, die Gegner, der Spieler mit sich selbst. Und…dem Ball.